Review: Kodachrome (Film)

Auch heute wieder ein Film, den ich euch nur wärmstens empfehlen kann, so ihr denn einen Netflix-Account besitzt, denn obwohl ich wusste, dass der dort erscheinen würde, ist dessen Veröffentlichung zunächst an mir vorbeigegangen. Gott sei Dank gibt es Notiz- und Erinnerungs-Apps, sonst hätte ich diesen schönen kleinen Film so bald wohl nicht gesehen.

Kodachrome

Kodachrome, CA/USA 2017, 105 Min.

Kodachrome | © Netflix
© Netflix

Regisseur:
Mark Raso
Autoren:
Jonathan Tropper (Drehbuch)
A.G. Sulzberger (Artikel)

Main-Cast:
Ed Harris (Ben)
Jason Sudeikis (Matt Ryder)
Elizabeth Olsen (Zoe Kern)
in weiteren Rollen:
Bruce Greenwood (Uncle Dean)
Wendy Crewson (Aunt Sarah)
Dennis Haysbert (Larry)

Genre:
Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Kodachrome | © Netflix
© Netflix

Matt ist reichlich überrumpelt, als ihm eines Tages bei der Arbeit eine Frau namens Zoe ihre Aufwartung macht und sich als Assistentin und Pflegerin seines Vaters Ben Ryder zu erkennen gibt. Nachdem die zwei sich schon vor langen Jahren entfremdet haben, trifft es Matt kaum, zu hören, dass sein Vater Krebs im Endstadium und nicht mehr lange zu leben habe, doch Bens letzter Wunsch ist es, mit seinem Sohn quer durch das Land nach Kansas zu fahren, um dort im letzten noch existierenden Labor, das die alten Kodachrome-Filme noch entwickelt, einen Schwung lang vergessener Filmrollen vorbeizubringen, die seit Bens Zeit als draufgängerischer wie gefragter Foto-Journalist ihrer Entwicklung harren. Matt weigert sich beharrlich und erst ein lukratives Angebot lässt ihn die Sache schließlich widerwillig überdenken…

Rezension:

Zunächst völlig an mir vorbeigerauscht ist die bereits im April erfolgte Veröffentlichung von Kodachrome bei Netflix, gleichwohl ich den Film schon einige Zeit auf dem Schirm hatte, weshalb ich froh bin, selbigen nun nachgeholt zu haben, denn auch wenn der eine geradezu klassische Geschichte erzählt und nicht eben mit Innovationen strotzt, gefielen mir doch insbesondere die Chemie der drei Hauptfiguren untereinander sowie allgemein Look und Feel des Films so ausnehmend gut, dass ich schon an dieser Stelle eine Empfehlung aussprechen möchte, sofern man sich denn selbst zu den Netflix-Abonnenten zählt, denn anders ist an den beim Toronto Film Festival uraufgeführten Film derzeit nicht ranzukommen. Basierend auf dem Artikel For Kodachrome Fans, Road Ends at Photo Lab in Kansas ist der nach dem kultigen Film benannte Film (ihr könnt mir noch folgen?) aber mitnichten "nur" eine Ode an die analoge, vom Aussterben bedrohte Fotografie, sondern eben auch handfestes Familiendrama, das seinerseits als waschechtes Road-Movie daherkommt.

Szenenbild aus Kodachrome | © Netflix
© Netflix

So muss sich Kodachrome zwar zunächst den Vorwurf gefallen lassen, ein auf den ersten Blick sehr generisches Stück Film zu sein, denn die sich fremd gewordenen Vater und Sohn, der Trip quer durch die USA, die durch Bens Krankheit generierte Dringlichkeit und Endlichkeit der Reise sowie die beinahe schon obligatorische Annährung zwischen Bens Sohn Matt und Bens Assistentin und Krankenschwester Zoe sind wahrhaftig exakt die Versatzstücke, aus denen man einen Film dieser Art zusammensetzen würde. Dass der von Mark Raso inszenierte Film nun aber nicht in der Belanglosigkeit versandet, das liegt zum Glück an gleich mehreren Faktoren, die den Film so ungemein lohnenswert machen. So mag nämlich die zugrundeliegende Prämisse niemanden im ersten Moment hinter dem Ofen hervorlocken, doch das von Jonathan Tripper verfasste Skript strotzt nur so vor klugen Dialogzeilen und driftet nie ins Kitschige ab, derweil die bewusst kantig und sperrig wirkenden Figuren durch diesen Umstand allein gehörig Profil verliehen bekommen.

Zuerst und zuvorderst sei hier natürlich Schauspiel-Größe Ed Harris (Run All Night) zu nennen, der aus Ben Ryder, dem an den echten Fotografen angelehnten Steve McCurry einen echten, greifbaren Charakter macht, der mit stoischer Hingabe sein Wesen und seine Prinzipien verteidigt und sozusagen noch einige Dinge geregelt haben möchte, bevor das bereits absehbare Ende seines Lebens ihn einholt. Dabei punktet die Figur nicht nur mit klugen Äußerungen und einem zugegebenermaßen barschen Auftreten, sondern vor allem mit einer unerwartet selbstreflexiven Ader, denn Ben ist sich durchaus bewusst, ein regelrechter Arsch zu sein und mitnichten ein guter Vater. Jason Sudeikis derweil, der sich bereits in Colossal für nicht dem Komödienfach zugehörige Stoffe qualifiziert hat, gibt einen wunderbar zynisch gewordenen Sohn ab, der seinen Vater zurecht für seine Verfehlungen und Versäumnisse verurteilt, ohne es zu merken aber gleichzeitig viele seiner Charakterzüge ebenfalls an den Tag legt, was ein enorm stimmiges Duo ergibt, dem man den seit Jahren schwelenden Zwist ohne Vorbehalte abnimmt.

Szenenbild aus Kodachrome | © Netflix
© Netflix

Und natürlich kommt es zu einer zaghaften Annäherung der beiden, wobei ich auch hier sagen muss, dass die Szenen zwar zu Tränen rührend inszeniert, aber eben nicht rührselig dargebracht werden, was für einen derart ausgerichteten Film die große Kür darstellt, denn schnell hätte hier der Film in Richtung Schmonzette kippen können, was er aber eben nicht tut. Auch Elizabeth Olsen (Wind River) als Dritte im Bunde verkommt Gott sei Dank nicht zum schnöden wie eindimensionalen Love-Interest, sondern gibt einen stimmigen Mittelsmann zwischen den beiden Dickköpfen, ohne mit ihrer eigenen Meinung hinter dem Berg zu halten oder angesichts der schauspielerischen Leistungen von Harris und Sudeikis ins Hintertreffen zu geraten. All das wird zudem garniert durch ein zwar episodisch anmutendes, aber auch stringentes Skript, dass mit wunderbaren Landschaftsaufnahmen, eingeblendeten Fotografien, einem stimmungsvollen Soundtrack und natürlich nicht zuletzt einer gehörigen Portion Indie-Charme für sich einzunehmen weiß. Wer also meint, Kodachrome sei nur "ein weiterer dieser rührseligen Filme", dem sei gesagt, dass hier die formidable Besetzung aus einem zunächst soliden Skript einen durchweg überzeugenden Film machen, der weit mehr ist als die Summe seiner Teile, zumal ein Stück weit Huldigung an die "guten alten Zeiten" natürlich auch vorhanden ist und mit seinem Retro-Flair diesem wunderschönen Film natürlich besonders gut zu Gesicht steht.

Fazit & Wertung:

Mark Raso gelingt es in Kodachrome aus einem zunächst recht generisch wirkenden Road-Movie-Drama einen wunderschönen und klugen Film der leisen Zwischentöne zu machen, welcher der Sparte des "Character-Driven-Drama" alle Ehre macht und seine drei Hauptfiguren ins beste Licht rückt. Eine nostalgische, zuweilen zynische, oft emotional aufgeladene Atmosphäre tun hierbei ihr Übriges, um aus einem zunächst unauffälligem Film ein echtes und anrührendes Erlebnis zu machen.

8 von 10 alten Analog-Aufnahmen

Kodachrome

  • Alte Analog-Aufnahmen - 8/10
    8/10

Fazit & Wertung:

Mark Raso gelingt es in Kodachrome aus einem zunächst recht generisch wirkenden Road-Movie-Drama einen wunderschönen und klugen Film der leisen Zwischentöne zu machen, welcher der Sparte des "Character-Driven-Drama" alle Ehre macht und seine drei Hauptfiguren ins beste Licht rückt. Eine nostalgische, zuweilen zynische, oft emotional aufgeladene Atmosphäre tun hierbei ihr Übriges, um aus einem zunächst unauffälligem Film ein echtes und anrührendes Erlebnis zu machen.

8.0/10
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Kodachrome ist seit dem 20.04.18 exklusiv bei Netflix verfügbar.

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