Review: Veronica Mars | Staffel 4 (Serie)

Als mich die Nachricht erreichte, dass endlich die Fortsetzung dieser großartigen Serie im Streaming zur Verfügung steht, musste ich mich nicht lange bitten lassen, mich voller Vorfreude vor den Fernseher zu pflanzen und die Show regelrecht zu inhalieren. Wie das so war, möchte ich natürlich nachfolgend gerne ausführen, auch wenn ich weiß, dass ich mit meinen lobenden Worten dem Eindruck vieler Fans zuwider argumentiere, die insbesondere mit dem Finale der Staffel nun so gar nicht glücklich gewesen sind.

Veronica Mars
Staffel 4

Veronica Mars, USA 2004-2007, 2019, ca. 50 Min. je Folge

Veronica Mars | © Hulu
© Hulu

Serienschöpfer:
Rob Thomas
Ausführende Produzenten:
Rob Thomas
Kristen Bell
Diane Ruggiero-Wright
Dan Etheridge

Main-Cast:
Kristen Bell (Veronica Mars)
Enrico Colantoni (Keith Mars)
Jason Dohring (Logan Echolls)

In weiteren Rollen:

Francis Capra (Eli ‚Weevil‘ Navarro)
Clifton Collins Jr. (Alonzo Lozano)
Percy Daggs III (Wallace Fennel)
Frank Gallegos (Dodie Mendoza)
Max Greenfield (Leo D’Amato)
Mido Hamada (Daniel Maloof)
Ryan Hansen (Dick Casablancas)
Kirby Howell-Baptiste (Nicole Malloy)
Dawnn Lewis (Marcia Langdon)
Patton Oswalt (Penn Epner)
David Starzyk (Richard Casablancas)
Izabela Vidovic (Matty Ross)
Jacqueline Antaramian (Amalia Maloof)
Paul Karmiryan (Alex Maloof)
Ken Marino (Vinnie Van Lowe)
Daran Norris (Cliff McCormack)
J.K. Simmons (Clyde Pickett)

Genre:
Mystery | Krimi | Drama

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Veronica Mars | © Hulu
© Hulu

Fünf Jahre sind vergangen seit dem Autounfall von Keith Mars und noch immer erholt er sich von den schweren Verletzungen, weshalb es ein Segen ist, dass sich auch Veronica in Neptune befindet, als während des alljährlichen Spring Break eine Bombe im Büro des Neptune Sea Sprite hochgeht und drei Leute das Leben kostet. Hierbei handelt es sich um die Verlobte des Sohnes von Politiker Maloof, der kurzerhand Mars Investigations engagiert, um den Bombenleger dingfest zu machen. Zu den Toten zählt allerdings auch der Vater von Matty Ross, die nunmehr – obwohl noch in der High School – neue Besitzerin des Sea Sprite ist. Und zuletzt wäre da noch der Neffe des mexikanischen Drogenbarons El Despiadado, was den dazu veranlasst, zwei Auftragskiller über die Grenze zu schicken, um der Sache ebenfalls auf den Grund zu gehen. Veronica und Keith sehen sich einem mehr als komplizierten Fall gegenüber und können nicht wirklich auf die Hilfe der Polizeichefin bauen, während es auch ansonsten in Neptune rumort wie gewohnt, denn die Schere zwischen Arm und Reich klafft dort bekanntlich besonders stark. Immerhin aber kann Veronica auf Logan bauen, der jüngst von einem Navy-Einsatz zurückgekehrt ist und natürlich Mr. Sparky, den treuen Taser in ihrer Tasche…

Rezension:

Lange haben sich die Marshmallows gedulden müssen, um nach der 2007 und lediglich drei Seasons viel zu früh eingestellten Serie Veronica Mars überhaupt nur auf Nachschub hoffen zu dürfen, bevor dann immerhin 2014 der via Kickstarter finanzierte Film Veronica Mars erschien, dem dann zumindest noch zwei Buch-Fortsetzungen folgen sollten, bevor sich 2019 US-Sender Hulu an ein Revival der Serie in Form einer vierten Staffel gewagt hat. Hierzulande sollte das Warten gar noch länger dauern, denn während die insgesamt acht Episoden der Staffel nunmehr seit knapp einem Jahr in den USA verfügbar gewesen sind, ist Veronica Mars nun jüngst erst exklusiv in deutscher Ausstrahlung bei JOYN+ verfügbar geworden. Kaum verwunderlich, dass ich mich natürlich umgehend den acht Episoden widmen "musste", die ich dann auch in zwei mehrstündigen Sessions regelrecht verschlungen habe, auch wenn ich bereits im Vorfeld um die Kontroverse wusste, die das Staffelfinale Ein letzter großer Knall (4.08) mit sich gebracht hat (weshalb es sich auch um die am schlechtesten bewertete Episode der gesamten Serie in der IMDb handelt). Ein schönes Beispiel, wie man es sich als Serienschöpfer – in dem Fall Rob Thomas (iZombie) – mit einem ganzen Fandom verscherzen kann, wenn man nicht exakt das flauschige Wohlfühlende offeriert, dass die Fans sich nach all den Jahren herbeigesehnt haben, wobei ich natürlich den Teufel tun werde, auch nur etwas annähernd Spezifisches in diese Richtung zu spoilern.

Szenenbild aus Veronica Mars | © Hulu
© Hulu

Ich für meinen Teil kann zumindest festhalten, dass es nur wenige Minuten gebraucht hat, bis ich mich in Neptune und dem Büro von Mars Investigations wieder heimisch gefühlt habe, denn auch wenn sich natürlich vieles verändert haben mag und insbesondere die beliebten Sidekicks und Freunde von Veronica hier kaum noch eine Rolle spielen, ist es eben noch immer Veronica Mars, wenn auch merklich erwachsener, düsterer, zynischer, als noch zu High-School-Zeiten. So ist es natürlich bedauerlich, dass beispielsweise der von Percy Daggs III verkörperte Wallace nur eine mehr als kleine Nebenrolle innehat, doch immerhin befindet er sich noch in Neptune, was man von Computergenie Mac nicht behaupten kann. Wurde der Film aber noch für seinen überbordenden Fanservice kritisiert, muss man sich hier mit der Tatsache abfinden, dass eben auch innige Freundschaften über die Jahre hinweg zu einer eher flüchtigen Bekanntschaft verkommen können, so bitter das auch sein mag. Überhaupt scheint der Serie – oder vielleicht konkreter Thomas – nicht viel daran zu liegen, eine Art Feel-Good-Revival zu kredenzen, so dass die Show in ihrem vierten Jahr deutlich ernsthafter und fatalistischer in Erscheinung tritt und damit exakt auf den Pfaden des Crime Noir wandelt, wie es dem Serienschöpfer schon länger vorgeschwebt hat. Dennoch ist die vierte Staffel aber natürlich gespickt mit Reminiszenzen an frühere Zeiten und nicht wenige aus der üppigen Darsteller-Riege von damals geben sich zumindest in Gastauftritten die Ehre, während im Kern der Erzählung noch immer die beispiellose Vater-Tochter-Beziehung von Keith (Enrico Colantoni) und Veronica steht, derweil man auch auf Logan (Jason Dohring) nicht verzichten muss, auch wenn die Beziehung zwischen ihm und Veronica freilich schon bessere Zeiten erlebt hat. Nichtsdestotrotz erleben wir hier einen Mann, der nach all den Jahren noch immer versucht, mit seinen inneren Dämonen ins Reine zu kommen, was für extrem starke, glaubhafte Charakterzeichnung spricht, darüber hinaus aber auch zu vielen Missverständnisse mit Veronica führt, die auf gänzlich andere, deutlich destruktivere Art versucht, dem Chaos in ihrem Leben Herr zu werden.

So wird oftmals kritisiert, dass Veronica (Kristen Bell, The Good Place) hier zu exzessivem Alkohol- und zuweilen Drogenkonsum neigt, doch haben wir es hier eben auch mit einer Person zu tun, die in ihrer Vergangenheit bereits mehr hat ertragen und durchleiden müssen, als so mancher in seinem ganzen Leben und auch wenn es einem nicht gefallen mag, wie Veronica sich zuweilen verhält, sind ihre Entwicklung und ihr Verhalten doch absolut stimmig, zumal sie im Kern natürlich noch immer die aufrechte Kämpferin ist, für die man sie vor anderthalb Dekaden schätzen und lieben gelernt hat. Ansonsten punktet Veronica Mars aber neben den vielen bekannten, wenn auch teils stiefmütterlich behandelten Charakteren mit einer ganzen Riege spannender, vielschichtiger neuer Figuren, die teils von mehr als bekannten Darsteller*innen verkörpert werden und das Ensemble gekonnt ergänzen. Vor vielem anderen sei hier zunächst einmal J.K. Simmons (Whiplash) erwähnt, der als Ex-Chino-Häftling Clyde Pickett als neuer Berater von "Big Dick" Casablancas fungiert, doch auch Patton Oswalt (Freaks of Nature) macht als Penn Epner, seines Zeichens investigativ interessierter Pizza-Bote und Mitglied der Hobby-Detektiv-Truppe "Murder Heads" eine großartige Figur. Mitunter gelungenste Ergänzung derweil ist Clifton Collins Jr. (Westworld) als Alonzo, einer der Auftragskiller aus Mexiko, der gemeinsam mit seinem Kumpan ein mehr als merkwürdiges, schwarzhumorig verortetes Duo abgibt, deren parallele Bemühungen lange Zeit die eigentliche Story kaum streifen, aber doch ein unterschwelliges Gefühl der Bedrohung verbreiten. Auch Kirby Howell-Baptiste stellt als schlagkräftige Barbesitzerin Simone ihr Talent unter Beweis und man mag sich fragen, ob ihre Beteiligung an The Good Place dazu geführt hat, dass sie nun auch hier besetzt worden ist. Nicht unerwähnt bleiben soll vor allem aber Izabela Vidovic (die sich auch schon an der vierten Staffel iZombie beteiligt hat), deren Figur Matty in vielen Punkten Ähnlichkeit zur jungen Veronica aufweist, was auch erklärt, weshalb die sich ihr in besonderer Weise verpflichtet fühlt.

Szenenbild aus Veronica Mars | © Hulu
© Hulu

Der Noir-Anstrich des Ganzen mag derweil zwar sicherlich Geschmackssache sein, zeigt aber auch, dass die Serie und ihre Figuren sich entwickelt haben und eben nicht einfach zurückkehren, um den Fans eine schöne Zeit zu bescheren, wohl aber, um einen zunächst reichlich undurchsichtigen Fall aufzuklären, der gleich ganz Neptune erschüttert, zumal es mitnichten bei der einen, eingangs im Neptune Sea Sprite gezündeten Bombe bleiben wird. Dennoch bewahrt sich die Serie ihren ursprünglichen Charme und punktet auch mit zahllosen Gags, die einerseits auf das Konto der Mars-Familie und deren Sarkasmus geht, andererseits den beiden Mexikanern und Patton Oswalts komödiantischem Talent zu verdanken sind. Es ist mitnichten beschwingt und unbeschwert im Neptune dieser Tage, doch erinnert man sich falsch an Veronica Mars, wenn man meint, in den High-School-Jahren wäre alles eitel Sonnenschein gewesen, denn geändert hat sich eigentlich nur, dass die nunmehr erwachsenen und gereiften Protagonisten nicht mehr versuchen, mit aufgesetzter Fröhlichkeit über ihre seelischen Abgründe hinwegzutäuschen. Angefangen mit dem neu gestalteten und neu vertonten Vorspann wird mehr als deutlich, dass dies ein neues Kapitel im Leben von Veronica darstellt, das zwar nicht jedem gefallen muss, in seiner Darbietung aber ungemein konsequent geraten ist. Und wenn man einmal davon absieht, dass einem der finale Twist auf einer persönlichen Ebene nicht gefällt, stellt es erzählerisch doch den einzig logischen Zirkelschluss für die Rahmenhandlung dar, die vom ersten Moment an in einer Art Rückblende von Veronica selbst aus dem Off zum Besten gegeben wird.

Fazit & Wertung:

Rob Thomas mag in der vierten Staffel Veronica Mars weniger auf die Erwartungen der Marshmallows Rücksicht nehmen und den Fanservice zurückfahren, liefert aber eine konsequente Fortsetzung seiner Kult-Serie, die mit ihrem merklich erwachsen gewordenen, düsteren und oft fatalistischen Anstrich zwar nicht für uneingeschränktes, nostalgisches Feel-Good-Flair taugen mag, dafür aber als grimmige Crime-Noir-Show auf ganzer Linie überzeugt.

8,5 von 10 Mysterien in Neptune, Kalifornien

Veronica Mars | Staffel 4

  • Mysterien in Neptune, Kalifornien - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Rob Thomas mag in der vierten Staffel Veronica Mars weniger auf die Erwartungen der Marshmallows Rücksicht nehmen und den Fanservice zurückfahren, liefert aber eine konsequente Fortsetzung seiner Kult-Serie, die mit ihrem merklich erwachsen gewordenen, düsteren und oft fatalistischen Anstrich zwar nicht für uneingeschränktes, nostalgisches Feel-Good-Flair taugen mag, dafür aber als grimmige Crime-Noir-Show auf ganzer Linie überzeugt.

8.5/10
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Episodenübersicht: Staffel 4

01. Spring Break für immer (8/10)
02. Der Freund aus dem Knast (8,5/10)
03. Schnauze halten und weiterfeiern (8,5/10)
04. Nicht den Kopf verlieren (8,5/10)
05. Pechsträhne (8/10)
06. Es wird schmerzhaft (9/10)
07. Die Götter des Krieges (9/10)
08. Ein letzter großer Knall (8/10)

 
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Veronica Mars | Staffel 4 ist seit dem 24.09.2020 bei Joyn Plus+ verfügbar.

vgw

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