Review: I, Tonya (Film)

Kommen wir heute – pünktlich übrigens auch zum ebenfalls heutigen Heimkinostart – zu einem weiteren Film mit Margot Robbie, dazu noch in ihrer wohl bislang überzeugendsten und gleichsam ambivalentesten Rolle, die sie wahrlich mit Bravour meistert und somit einer der (Haupt-)Gründe ist, weshalb ich euch nachfolgenden Film nur wärmstens ans Herz legen kann.

I, Tonya

I, Tonya, USA 2017, 120 Min.

I, Tonya | © DCM/Universum Film
© DCM/Universum Film

Regisseur:
Craig Gillespie
Autor:
Steven Rogers

Main-Cast:
Margot Robbie (Tonya)
Sebastian Stan (Jeff)
Allison Janney (LaVona)
in weiteren Rollen:
Julianne Nicholson (Diane Rawlinson)
Paul Walter Hauser (Shawn)
Bobby Cannavale (Martin Maddox)

Genre:
Biografie | Komödie | Drama | Sport

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus I, Tonya | © DCM/Universum Film
© DCM/Universum Film

Bereits mit gerade einmal drei Jahren wird die junge Tonya Harding von ihrer rabiat-resoluten Mutter LaVona zu einer Eiskunstlaufkarriere gedrängt und es gelingt der ruppigen LaVona tatsächlich, Tonya bei der bekannten Trainerin Diane Rawlinson unterzubringen, unter deren Aufsicht sich im Laufe der Jahre Tonyas immenses Talent entfaltet. Ihrer Herkunft entkommt Tonya dadurch freilich nicht und wird auch in späteren Jahren naserümpfend als genau der White-Trash-Redneck wahrgenommen, als den sie sich auch selbst bezeichnet, während nicht nur die Beziehung zu ihrer Mutter von Aggression und gegenseitiger Aversion geprägt ist, sondern auch ihre Heirat mit Jeff Gilooly alles andere als eine Bilderbuch-Ehe nach sich zieht. Trotz ihrer Art aber kämpft Tonya sich beständig nach oben und vollführt letztlich bei einem Wettbewerb den schwierigsten aller Sprünge – den dreifachen Axel – mit Bravour. Während Tonya aber noch um die Zulassung zu den Olympischen Winterspielen 1994 kämpft, erfährt sie alsbald eine ganz andere Art medialer Aufmerksamkeit, als auf ihre schärfste Konkurrentin Nancy Kerrigan ein feiges Attentat verübt wird, indem mit einer Eisenstange ihr Knie schwer verletzt wird. Prompt geraten Tonya und ihr Mann Jeff ins Visier der Ermittlungen und es dauert nicht lange, bis auch das FBI vor der Tür steht…

Rezension:

Normalerweise sind Sportfilme ja absolut nicht mein Ding und sportler-Biografien schon gar nicht, doch nachdem mich jüngst (und nicht zum ersten Mal) Eddie the Eagle eines Besseren zu belehren wusste, war ich auch entsprechend gespannt auf Craig Gillespies I, Tonya, zumal der ja fernab eines reinrassigen Feel-Good-Movies noch einen weitaus interessanteren Ansatz verfolgt, die Geschichte von Tonya Harding als extrem widersprüchliche, extrem unterhaltsame Pseudo-Mockumentary zu inszenieren. Die punktet nicht nur mit einem bissig-satirischen, schwarzhumorigen Einschlag, sondern überzeugt auch in ihren dramatischeren Momenten, womit wir es hier mit einer höchst ungewöhnlichen und – so viel sei vorweggeschickt – wahnsinnig lohnenswerten Tragikomödie zu tun haben, die man sich auch bei absolutem Desinteresse hinsichtlich Eiskunstlauf nicht entgehen lassen sollte.

Szenenbild aus I, Tonya | © DCM/Universum Film
© DCM/Universum Film

Dabei gibt es im Grunde mehrere hervorstechende Aspekte, die I, Tonya zum absoluten Highlight werden lassen, denen ich mich gerne gesondert widmen würde, um ihnen entsprechend Tribut zu zollen. So erhebt der Film das Konzept des unzuverlässigen Erzählers hier zur Kunstform, denn statt Partei für oder gegen Tonya zu ergreifen, widmet er sich den Geschehnissen um ihren Werdegang, ihr Leben, ihre Karriere und schließlich das Attentat auf ihre Konkurrentin in aller Ambivalenz, die durch die unterschiedlichen Erzählungen und Erinnerungen der beteiligten Personen zustande gekommen sind. So beschuldigen sich insbesondere auch Tonya und ihr Mann Jeff gegenseitig, in der Ehe mehr als einmal handgreiflich geworden zu sein, dem Gillespie auf durchaus harsche, mit dem sonst oft lockeren Ton des Films brechende Art und Weise Rechnung trägt, doch noch während dieser Szenen durchbrechen die als so niederträchtig gezeigten Figuren die vierte Wand, um gegenüber dem Zuschauer zu beteuern, so etwas doch wirklich nie getan zu haben. Dieser Aspekt des Films wird noch auf die Spitze getrieben von fiktiven Interview-Einblendungen, die nicht nur den Rahmen bilden für die nicht immer chronologische Erzählung der Lebensgeschichte von Tonya, sondern eben auch die illustre Figurenschar immer mal wieder die damaligen Geschehnisse kommentieren lassen.

Nach rund zwei Dritteln wandelt sich I, Tonya zwar vom schwarzhumorigen Biopic zur tragikomischen Abhandlung eines weltweit für Aufmerksamkeit sorgenden Medienskandals, doch büßt der Film auch hier kaum etwas von seiner Faszination und vor allem der schnittigen Inszenierung ein, welche die ziemlich exakt zwei Stunden Laufzeit wie im Flug vergehen lassen. Das wiederum liegt aber auch zu großen Teilen an zwei weiteren alleinstellungsmerkmalen, nämlich einerseits der überraschend wandlungsfähigen Margot Robbie (Legend of Tarzan), die hier dem Gefühl nach darstellerisch so überzeugend ist wie noch nie – was ihr auch eine wohlverdiente Oscar-Nominierung eingebracht hat – und mit Leichtigkeit in die Rolle der proletenhaften Tonya schlüpft, ohne dass es gekünstelt, falsch oder unglaubwürdig wirken würde. Mit genau dieser Selbstverständlichkeit trägt sie den Film spielend allein und behauptet sich in sämtlichen Aspekten, Lebensphasen und Szenen, so dass es dann auch nicht mehr so viel ausmacht, dass man ihr die fünfzehnjährige Tonya relativ zu Beginn des Films dann doch nicht so ganz abnehmen mag als Mittzwanzigerin, die sie zum Zeitpunkt des Drehs bereits war.

Szenenbild aus I, Tonya | © DCM/Universum Film
© DCM/Universum Film

Einzig ihr den Rang abzulaufen imstande ist derweil Allison Janney (Ganz weit hinten) als Tonyas ungemein garstige, herrische und unsympathische Mutter LaVona, deren Darstellung man leicht als überzogen empfinden könnte, die aber gleichsam in wirklich jeder Einstellung brilliert. Der Oscar als beste Nebendarstellerin ist da wirklich nur noch Formsache gewesen und absolut verdient, denn die Intensität, die Janney dieser Figur angedeihen lässt, sucht wahrhaft ihresgleichen. Entsprechend bleibt Sebastian Stan (Logan Lucky) in der Rolle von Jeff Gilloly vergleichsweise blass, was aber mitnichten an seinen Fähigkeiten, sondern mehr an der Rolle liegt, die er in dem Reigen übernimmt. Veredelt wird I, Tonya letztlich noch von Julianne Nicholson (Im August in Osage County) sowie Bobby Cannavale (Kiss the Cook) in kleinen, aber prägnanten Rollen, doch fokussiert Steven Rogers‘ Drehbuch ganz klar auf Robbie als Tonya, wobei es ihm wie gesagt gut gelingt, auch die weiteren Figuren zu Wort kommen zu lassen und damit eine zwar widersprüchliche, nicht immer übersichtliche Biografie zu schaffen, die dem Thema und den Figuren aber gerade dadurch irritierend angemessen erscheint. Vor allem aber ist die fehlende Bevormundung des Zuschauers zu loben, der sich ohne externe Beeinflussung sein ganz eigenes Bild von der Wahrheit zusammenreimen darf, denn auch wenn das Skript die Abfolge der Ereignisse sowie auch die beteiligten Figuren gern mal liebevoll durch den Kakao zieht, bemüht er sich doch um einen differenzierten und vielschichtigen Blickwinkel, gleichwohl der schwarzhumorige Anstrich des Ganzen doch in vielen Punkten spürbar im Vordergrund steht.

Fazit & Wertung:

Craig Gillespies Überraschungs-Hit I, Tonya punktet gleichsam mit einer formidable aufspielenden Margot Robbie als Verkörperung von Tonya Harding als auch mit Allison Janney in der Rolle der grantigen Mutter LaVona. Die von Steven Rogers ersonnene Story gibt sich allerdings auch dramaturgisch und insbesondere inszenatorisch keine Blöße, wenn hier – statt ein übliches Biopic abzuliefern – eine satirisch-bitterböse Mockumentary zum Besten gegeben wird. Deren nicht von der Hand zu weisende Widersprüchlichkeiten ergeben ein schillernd-ambivalentes Filmvergnügen, das von beißendem Sarkasmus bis hin zu beklemmender Tragik alle Facetten eines mehr als ungewöhnlichen Lebens umfasst.

8,5 von 10 mitreißende Eiskunstlauf-Performances

I, Tonya

  • Mitreißende Eiskunstlauf-Performances - 8.5/10
    8.5/10

Fazit & Wertung:

Craig Gillespies Überraschungs-Hit I, Tonya punktet gleichsam mit einer formidable aufspielenden Margot Robbie als Verkörperung von Tonya Harding als auch mit Allison Janney in der Rolle der grantigen Mutter LaVona. Die von Steven Rogers ersonnene Story gibt sich allerdings auch dramaturgisch und insbesondere inszenatorisch keine Blöße, wenn hier – statt ein übliches Biopic abzuliefern – eine satirisch-bitterböse Mockumentary zum Besten gegeben wird. Deren nicht von der Hand zu weisende Widersprüchlichkeiten ergeben ein schillernd-ambivalentes Filmvergnügen, das von beißendem Sarkasmus bis hin zu beklemmender Tragik alle Facetten eines mehr als ungewöhnlichen Lebens umfasst.

8.5/10
Leser-Wertung 8.5/10 (4 Stimmen)
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I, Tonya ist am 24.08.18 auf DVD und Blu-ray bei DCM im Vertrieb von Universum Film erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

Eine Reaktion

  1. Ulrike 26. August 2018

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