Review: Midsommar (Film)

Abwechslungsreichtum wird diese Woche groß geschrieben in Sachen Film-Rezensionen und deshalb gibt es nach einem Animations-Abenteuer und einer Indie-Komödie nun noch ein paar Worte zu einem Horrortrip nach Schweden.

Midsommar

Midsommar, USA 2019, 148 Min.

Midsommar | © LEONINE
© LEONINE

Regisseur:
Ari Aster
Autor:
Ari Aster

Main-Cast:

Florence Pugh (Dani)
Jack Reynor (Christian)
Vilhelm Blomgren (Pelle)
William Jackson Harper (Josh)
Will Poulter (Mark)

Genre:
Horror | Mystery

Trailer:

 

Inhalt:

Szenenbild aus Midsommar | © LEONINE
© LEONINE

Christian und Dani sind nun schon seit knapp vier Jahren ein Paar und obwohl Christian die Beziehung eigentlich längst beendet haben wollte, bringt er dies nicht über sich, als Dani mit einem schweren, familiären Schicksalsschlag konfrontiert wird. Stattdessen lädt er– sehr zum Missfallen seiner vier Freunde – sie sogar ein, sie alle nach Schweden zu begleiten. Sein Freund Pelle stammt aus einer dortigen Dorfgemeinschaft und will dort neuntägigen, religiösen Festivitäten beiwohnen, die in dieser Form nur alle 90 Jahre stattfinden. Bei strahlendem Sonnenschein und bestem Wetter nähern sich die vier Jungs und Dani also der weißgewandeten, mit Blumen geschmückten Gruppe aus Gläubigen und werden herzlichst in Empfang genommen. So beschwingt und herzlich die Atmosphäre aber auch sein mag, zeigen sich doch zunehmend irritierende Töne und Dissonanzen, zumal so manches Ritual im besten Fall absonderlich, im schlimmsten Fall abstoßend gerät. Die vorherrschende Unbeschwertheit aber lässt die fünf lange Zeit darüber hinwegsehen, dass hier wirklich etwas im Argen liegen könnte, selbst als ein anderer Tourist plötzlich spurlos verschwindet…

Rezension:

In einer ruhigen Minute – die rund zweieinhalb Stunden lang gewesen sein muss – habe ich mir nun auch endlich mal Midsommar zu Gemüte geführt, der wahlweise als Meisterwerk oder langatmiger Schund propagiert wird. Die Wahrheit für mich persönlich liegt wie so oft irgendwo dazwischen, denn ich erkenne in Ari Asters zweitem Spielfilm durchaus gehörige Qualitäten, wohingegen er auch einiges an narrativen Schwächen mit sich bringt, die man insbesondere bei der durchaus stolzen Laufzeit kaum ignorieren kann. Zunächst einmal war ich aber verwirrt, da allerorten gesondert betont wird, Asters neuer Film würde sich im strahlenden Sonnenschein abspielen, doch auch wenn das grundsätzlich stimmt, trifft dies nicht auf den Beginn der Erzählung zu, die in geradezu klassischer Manier düster dräuend daherkommt, bevor sich unsere fünf Protagonisten nach erfolgter Exposition in Richtung Schweden begeben. Die Einführung von Dani und ihrem Freund ist dabei noch recht gelungen, was man leider von dessen drei Kumpels nicht behaupten kann, wie sich im weiteren Verlauf bemerkbar machen wird, wenn begonnen wird, das Ensemble zu dezimieren.

Szenenbild aus Midsommar | © LEONINE
© LEONINE

Aster gelingt es freilich, eine ungemein beklemmende Atmosphäre zu kreieren und liefert zunächst zaghaft Hinweise, dass sich mehr und Erschreckenderes unter der Oberfläche verbirgt, als Dani und ihre Begleiter zunächst ahnen, wobei der Frau in der Runde natürlich eine Schlüsselrolle zukommt, wie man bereits nach wenigen Minuten ahnt, wenn Christians Freund Pelle (Vilhelm Blomgren) ihr attestiert, die nächste Mai-Königin sein zu können. Und diesen profanen Hinweis möchte ich dann auch als Aufhänger nutzen, um auf eines der zentralen Probleme von Midsommar zu sprechen zu kommen. Es verhält sich nämlich schlichtweg leider so, dass ab einem gewissen Moment beinahe alles, was sich ereignet beziehungsweise noch ereignen wird, mit ziemlicher Genauigkeit vorhersagen lässt. Man ahnt, wer wann das Zeitliche segnen wird, man begreift, wohin die Reise geht, ja, im Grunde bleibt man nur noch am Ball, um über das "Wie" unterrichtet zu werden. Gegen diesen Umstand kommt dann auch die wirklich formidable Atmosphäre kaum noch an, zumal man unter diesen Gesichtspunkten den Film hätte deutlich straffen können, der sich insbesondere in der zweiten Hälfte wirklich auffallend viel Zeit lässt für manch vermeintlich kleines Detail.

Dennoch, unter künstlerischen Aspekten bin ich ziemlich angetan von Midsommar, kann mir aber gut vorstellen, dass diese Art Arthouse-Horror, wie ich es mal nennen möchte, nicht unbedingt jedermanns Geschmack trifft, wobei ich es als sehr angenehm empfunden habe, hier einmal eine andere Art Horror präsentiert zu bekommen. Oft genug Horror auf einer psychologischen Ebene, ohne Jumpscares und billige Effekthascherei – bis auf die überspitzten Gore-Momente vielleicht –, der aber eben auch weit besser noch hätte funktionieren können, wenn man sich den Figuren näher und verbundener fühlen würde. Neben dem vom ersten Moment an unsympathisch gezeichneten Christian (Jack Reynor, Die Berufung) wären da schließlich noch bereits genannter Pelle (der im weiteren Verlauf ziemlich blass bleibt und durch häufige Abwesenheit glänzt) sowie der von William Jackson Harper verkörperte Josh, der so völlig Harpers Paraderolle in The Good Place zuwiderläuft und nicht zuletzt Mark, seines Zeichens dargestellt von Will Poulter, der sich extrem weit von seinen Comedy-Anfängen in Wir sind die Millers entfernt hat. Doch dadurch, dass man über sie alle kaum etwas erfährt, dass sie alle eine gewisse Antipathie regelrecht provozieren, tangiert ihr weiteres Schicksal nur am Rande, auch wenn ich natürlich sehe und verstehe, dass die von Florence Pugh (Outlaw King) verkörperte Dani nicht nur das erzählerische, sondern auch emotionale Zentrum des Films bildet.

Szenenbild aus Midsommar | © LEONINE
© LEONINE

Dennoch bleibt zu kritisieren, dass neben einer formal einwandfreien und inszenatorisch einzigartigen Darbietung das eigentliche Storytelling eben kaum über Stereotype und zu erwartende Entwicklungen hinauskommt, die zwar in ihrer oft expliziten Darstellung schockieren können, bei mir zumindest aber kaum je vom Hirn bis zum Herz vorgedrungen sind, was dann insbesondere das letzte Drittel gar nicht einmal so gut dastehen lässt. Wer einmal Lust auf ungewöhnlichen und vor verstörend idyllischer Kulisse inszenierten Horror hat, kann sicherlich einen Blick riskieren und Ari Aster ist auf alle Fälle ein visuell und atmosphärisch überzeugender Film gelungen, aber da, wo es drauf ankommt, hätte es für meinen Geschmack gerne noch etwas feinsinniger und detaillierter werden können. Zugutehalten muss man Midsommar aber auf jeden Fall, dass er einiges an Szenen zu bieten hat, die einem sicher auch noch Tage nach dem Film im Kopf herumspuken werden.

Fazit & Wertung:

Ari Aster gelingt mit Midsommar ein atmosphärisch und stilistisch ungemein überzeugender Horrorfilm vor ungewöhnlicher Kulisse, dem es jedoch an charakterlicher Tiefe mangelt, während ab einem gewissen Punkt der weitere Ablauf zumindest in groben Zügen vorherzuahnen ist. Das trübt den Eindruck nicht nachhaltig, hätte aber eleganter oder überraschender gelöst werden können, während es Extrapunkte für die betörend-verstörende Inszenierung gibt.

7 von 10 verstörenden Ritualen und Bräuchen

Midsommar

  • Verstörende Rituale und Bräuche - 7/10
    7/10

Fazit & Wertung:

Ari Aster gelingt mit Midsommar ein atmosphärisch und stilistisch ungemein überzeugender Horrorfilm vor ungewöhnlicher Kulisse, dem es jedoch an charakterlicher Tiefe mangelt, während ab einem gewissen Punkt der weitere Ablauf zumindest in groben Zügen vorherzuahnen ist. Das trübt den Eindruck nicht nachhaltig, hätte aber eleganter oder überraschender gelöst werden können, während es Extrapunkte für die betörend-verstörende Inszenierung gibt.

7.0/10
Leser-Wertung 9/10 (1 Stimme)
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Midsommar ist am 07.02.2020 auf DVD und Blu-ray bei Weltkino Filmverleih im Vertrieb von LEONINE erschienen. Hat der Artikel euer Interesse geweckt, dann bestellt doch über einen der Links und unterstützt damit das Medienjournal!

DVD:

Blu-ray:

vgw

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